Ethikkommission

Zur Rolle von Seelsorgerinnen und Seelsorgern in Ethikkommissionen im Krankenhaus 
von Prof. Dr. Christoph Schneider-Harpprecht

1. Die Ethik ist neben der religiös-sprituellen und der Kommunikationsfördernden/therapeutischen eine zentrale Dimension der Seelsorge.

2. SeelsorgerInnen im Krankenhaus sind mit einer Vielzahl von ethischen Problemstellungen konfrontiert, die an sie oft in Einzelgsprächen von PatientInnen, Angehörigen, VertreterInnen der verschiedenen Berufsgruppen herangetragen werden. Durch ihre spezielle Position im Krankenhaus, in der sie als VertreterInnen der Kirche ein Stück weit unabhängig, nicht in die alltäglichen Abläufe von Behandlung und Pflege eingebunden sind, auch durch die Schweigepflicht können sie als GesprächspartnerInnen für ethische Konflikte besonders geeignet erscheinen bzw. gesucht werden.

3. Die vorzugsweise informellen Kontakte, in denen ethische Fragen angesprochen werden, können bei SeelsorgerInnen schnell den Eindruck erwecken, ihre ethische Aufgabe nicht ausreichend systematisch anzugehen und keinen effektiven Beitrag zur Lösung von ethischen Konflikten im Rahmen der Strukturen des Krankenhauses zu leisten.

4. Ziel der ethischen Beratung in der Seelsorge ist im Idealfall die Befähigung der GesprächspartnerInnen zu einer eigenständig verantworteten Gewissensentscheidung in einer konkreten Konfliktsituation. Dies kann in vielfältigen informellen und formalisierten Gesprächskontakten geschehen. Am sinnvollsten und effektivsten ist die Einrichtung von interdisziplinären Ethikkommissionen in verschiedenen Bereichen/Stationen des Krankenhauses, in denen SeelsorgerInnen ständige Mitglieder sind.

5. Zentrale Aufgaben der Ethikkommissionen sind: 1) die Förderung der ethischen Kompetenz der MitarbeiterInnen (Aus- und Weiterbildungsfunktion), 2) die Formulierung ethischer Richtlinien für die Politik des Hauses, 3)  die Beratung in ethischen Konfliktsituationen bei Behandlung und Pflege.

6. SeelsorgerInnen haben in der Regel kein institutionelles Mandat und keine ausreichende Machtposition im System Krankenhaus, um die Einrichtung von Ethikkommissionen von sich aus zu erreichen. Sie können die Anregung dazu geben, sollten aber in der Organisation von Ethikkommissionen oder in der Gesprächsleistung nur tätig werden, wenn sie dazu von der Leitung des Krankenhauses ausdrücklich berufen werden. Auch in diesem Fall müssen sie die Akzeptanz ihrer Leitungsrolle unter den Teilnehmenden abklären.

7. Ethikkommissionen sind in den USA inzwischen ein Standardelement von Behandlung und Pflege im Krankenhaus. Sie haben die Funktion, einen Beitrag zur guten und verantwortlichen Behandlung und Pflege zu leisten und helfen. Darüber hinaus haben sie im Rahmen der zunehmenden Verrechtlichung der Medizin die Funktion, Behandlungsentscheidungen zu prüfen und argumentativ abzusichern. SeelsorgerInnen übernehmen zunächst durch ihre Teilnahme an den Gesprächen etwas von dieser sichernden Funktion, haben aber auch die Möglichkeit, kritische Gesichtspunkte zur Geltung zu bringen.

8. Es ist zu vermuten, dass sich an SeelsorgerInnen die Erwartung richtet, in der Ethikkommission den besonderen Blickwinkel des Externen einzubringen, der aus dem nicht durch Pflege und Behandlung gebundenen Kontakt mit den PatientInnen, den Angehörigen usw. kommt. Sie haben die Chance, die Perspektive der "Laien" einzubringen. Darüber hinaus können sie als Fachleute für Religion als "Stimme des Gewissens" angesprochen werden, die Ambivalenzen und Gewissenskonflikte wahrnehmen und ansprechen kann, die von Ärzten und Pflegepersonal im alltäglichen Handeln möglicherweise nicht berücksichtigt werden können. Als Vertreter der Transzendenz erinnern sie an das Unverfügbare des Behandlungs- und Heilungsprozesses und können den Transzendenzbezug ärztlichen und pflegerischen Handelns in der konkreten Situation entlastend darstellen.

9. Trifft dies zu, so ist es das Spezifikum der Rolle von SeelsorgerInnen in der Ethikkommission, dem Unverfügbaren Achtung und Geltung einzuräumen und ihm neben dem Raum der Medizin seinen Raum zu geben. Zu ihrer Rolle gehört es, die spirituelle Ebene einzubringen und dadurch vorhandene Prioritäten gegebenenfalls in Frage zu stellen oder ihre Neuordnung anzuregen. Aufgrund dieser Rolle und Position können sie die Klärung der ethischen Leitbilder (Bilder von einem guten Leben) bei den übrigen Beteiligten fördern. Zum Proprium der Seelsorgerolle in Ehtikkommissionen gehört auch die gezielte Förderung eines kommunikativen Klimas, in dem die von anderen aufgrund von rechtlichen, ökonomischen oder berufsständischen Zwängen nicht geäußerte Verhaltenstendenzen einbezogen werden. Dadurch können Blockaden vermindert Raum für kreative Lösungen geschaffen werden.

10. Das christliche Bild vom Menschen, das den fragmentarischen Charakter seines Lebens als Sünder, seine Endlichkeit und Verstrickung in übergeordnete schicksalhafte Zusammenhänge, vor allem aber seine Befreiung zum Leben durch die annehmende Gnade Gottes in der Rechtfertigung wahrnimmt, bildet die Grundlage der ethischen Position, die SeelsorgerInnen und Seelsorger vertreten.

11. Ethische Beratung verlangt von SeelsorgerInnen neben einer spezifischen ethischen Wahrnehmung der jeweiligen Situation und des Konflikts, kommunikative Kompetenz und die Fähigkeit, ethisch zu argumentieren, d.h. den Konflikt und die Verhaltensalternativen zu verbalisieren, die ethischen Maßstäbe zu artikulieren, eine verstehbare Güterabwägung durchzuführen und die anzuratende Entscheidung zu begründen. Ein einseitig nicht-direktives Gesprächsverhalten wird den Anforderungen an ethischer Positionierung nicht gerecht. Es kann nötig sein, diese Position gegenüber anderen für unzutreffend gehaltenen Positionen sehr deutlich anzusprechen und zu vertreten..

12. Aufgrund ihrer besonderen Rolle und Position im Krankenhaus, die ihnen eine Zuständigkeit für das Klima, die Emotionen, die Kommunikation und das Unverfügbare zuweist, sind SeelsorgerInnen eher ungeübt in rationaler ethischer Argumentation. Sie können sich in Ethikkommissionen dann schnell unterlegen und bedeutungslos fühlen. Eine Reaktion darauf kann die eindeutigen Identifikation mit ethischen Positionen sein, die in Opposition zum Mainstream der Meinungen anderer Berufsgruppen stehen. SeelsorgerInnen neigen aufgrund ihrer Rolle und Position dazu, als Anwälte z.B. des menschenwürdigen Sterbens oder der vernachlässigten Bedürfnisse und Rechte von PatientInnen und ihren Angehörigen aufzutreten. Dadurch können sie ungewollt Polarisierungen fördern und tragen nicht dazu bei, Ambivalenzen auszuloten, den Zweifel und die Unsicherheit wahrzunehmen. Darum ist es ratsam, wenn SeelsorgerInnen sich als ModeratorInnen eines Gesprächs verstehen, das durch Verlauf, Klima und Inhalt verantwortlichen Entscheidungen im besten Interesse der Betroffenen dient.