"Ethik und Ethos in der Klinischen Krankenhausseelsorge und in der Universitätsmedizin" - Vorlesungsreihe

Im WINTERSEMESTER 2018/19 wird die Reihe "Religionen/Seelsorge/Ethik im AKH" unter dem Titel "Ethik und Ethos in der Klinischen Seelsorge und in der Universitätsmedizin" mit dem Schwerpunktsthema"SUIZID" fortgesetzt.
Die Vorlesungsreihe/Seminare/ Praktika werden in Zukunft nur in den Wintersemestern durchgeführt, die Sommersemester stehen der Planung, Konzeption und Organisation zur Verfügung! 

Begonnen wird im Anschluss an den jährlich stattfindenen Ökumenischen Gottesdienst zum Studienjahr beginn und zum Gedenktag Cosmas und Damian (Patrone der Medizinischen Fakultät Wien seit 1429 - Segnung des Zepters der Med.UNI Wien aus dem Jahre 1615​, auf welches noch heute die Gelöbnisformel zur Sponsion und Promotion gesprochen wird) zum Beginn des Wintersemesters und einer interreligiösen Auftaktveranstaltung, die Vorlesungen bzw. Seminare finden von Oktober bis Jänner - vorerst 1X monatlich- statt.
Wintersemester 2018/19: Beginn 27. September 16.00 Uhr - geplantes Thema "Suizid"
Anrechenbar als freiwillige Lehrveranstaltung / Fortbildung

Team  Univ.-Prof. Dr. med. Johannes A. Hainfellner, Leiter (komm.) Klinisches Institut für Neurologie (Obersteiner Institut) Medizinische Universität Wien – Allgemeines Krankenhaus; Rektor P. Mag. Dr. Alberto Marques de Sousa MI, Röm.Kath. Klinische Seelsorge im AKH und Pfr. Mag. Arno Preis, Evang. Klinische Seelsorge im AKH.
Wissenschaftlicher Beirat (21 Personen: VertreterInnen aus MedUni Wien, UNi Wien, Pflegediensten, Klin. Psychologischer Dienst, Religionen und Konfessionen {röm. kath., evangelisch, orthodox., altorientalisch/kopt.orth.; jüdisch, islam., buddh.})

Unser großer Dank gilt Herrn Univ.-Prof.em. Dr. Georg Simbruner, PhD in Theologie, der seit Beginn dieser Vorlesungsreihe, die große treibende Kraft und ihr Grarant war!
Diese erfolgreiche Vorlesungsreihe ist auf Initiative von Univ.-Prof. Dr. Georg Simbruner, Univ.-Prof. DDr. Johannes Huber und in Zusammenarbeit mit der evangelischen und mit der katholischen Krankenhausseelsorge, unter Federführung von Pfarrerin Dr.in Margit Leuthold, zustande gekommen und wurde seit Februar 2014 durchgeführt.
NACHHÖREN: http://ipokrates.info/christentum-im-akh/ 
 

VORSCHAU Wintersemester 2018/2019

Themenkomplex Suizid
Termine:

1. Einheit:       Do. 18. Oktober 2018, 16-18 Uhr, Ebene 7 Hörsaal 5
2. Einheit:       Do. 22. November 2018, 16-18 Uhr; Ebene 7 Hörsaal 3
3. Einheit:       Do. 24. Jänner 2019, 16-18 Uhr; Ebene 7 Hörsaal 2
4. Einheit:       Do. 21. Februar 2019, 16-18 Uhr, Ebene 7 Hörsaal 5
Näheres elektonisches Vorlesungsverzeichnis in MedCampus
bzw. https://www.meduniwien.ac.at/web/ueber-uns/events/

Programmkonzept - Themen und Referenten:
1. Einheit:
Epidemiologie des Suizids, Terminologie, Internationaler Vergleich
Referent:       Nestor Kapusta (Psychoanalyse und Psychotherapie, MedUni Wien)
Allgemeine Diskussion
ABSTRACT: Epidemiologie des Suizids, Terminologie, Interna­tionaler Vergleich 
Nestor Kapusta, Universitätsklinik für Psychoanalyse und Psychotherapie and der MedUni Wien
Leiter des Zertifikatskurses Krisenintervention und Suizidprävention 
Die Epidemiologie des Suizids beschäftigt sich mit den Häufigkeiten und Risikofaktoren für Suizid, aber auch mit suizidprotektiven Aspekten und dient der allgemeinen Beantwortung der Frage nach den Ursachen für einen Suizid. Obwohl die Ursachen für einen Suizid interindividuell sehr unterschiedlich sein können oder auf zum Teil unterschiedlichen Ursachenkomplexen beruhen, folgen Suizidversuche und Suizide keinem bloßen erratischen Muster, sondern tragen einige wesentliche (international gültige) Merkmale die zur Früherkennung und Prävention von Suiziden genutzt werden können. Eng an die Suche nach ätiologischen Faktoren geknüpft, ist die Frage nach der genauen terminologischen Unterscheidung suizidverwandter Phänomene, welche letztlich aufgrund unterschiedlicher Ursachen und Mechanismen auch über die Wahl der Behandlung entscheiden.

ABSTRACT INPUT der Christlichen Seelsorgen am AKH:
Ernestine Radlmair-Mischling, Teamleiterin der  r.k. SeSo, Pastoralassistentin
„Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; gelobt sei der Name des Herrn.“ Dieser Vers aus dem Buch Hiob (Hi 1,21), der sich zuweilen auf Partezetteln findet, ist eine Kurzfassung des christlichen Glaubens, dass Gott der Schöpfer allen Lebens und damit auch der Souverän über Leben und Tod ist.
Christliche Seelsorge bewegt sich somit im Spannungsfeld zwischen der Forderung, alles aus Gottes Hand anzunehmen und dem glaubhaften Zeugnis für einen Gott, der in allen Notlagen auf der Seite der Leidenden steht. Darin zeigt sich eine Parallele zur Terminologie: sehe ich mehr die aggressive Tat eines Selbstmörders oder die Not eines Suizidantenund seiner Angehörigen?

Im mündlichen Beitrag wird ich auch auf die Unterschiede zwischen den Positionen der einzelnen Kirchen eingegangen. 

ABSTRACT INPUT JIVAKA- Buddhistische Krankenbegleitung am AKH
Dr. Otto Pichlhöfer
Aus buddhistischer Sicht wird das Leben an sich und im Besonderen die menschliche Existenz als grundsätzlich wertvoll erachtet. Selbstverletzung und Suizid sind Ausdruck einer Ablehnung des grundlegend Guten in jeder Person mit unmittelbarer Auswirkung auf sie selbst und ihre weitere Umgebung. Das kultivieren von Freundlichkeit und Mitgefühl kann ein Weg aus der Einengung des Selbsthasses sein.

ABSTRACT INPUT die jüdischer Sicht auf den Suizid kann lauten:
Dr. Willy Weisz
G'tt hat dem Menschen den Körper als Leihgabe übergeben. Daher hat Letzterer die Verpflichtung, seinen Körper pfleglich zu behandeln und ihn zur einer nicht von ihm selbst vorbestimmten Zeit in bestmöglichem Zustand wieder - im Grab - zurückzugeben.
Mord, einschließlich Selbstmord, widerspricht dieser Aufgabe, und der Suizid wird strenger verurteilt als der Mord. Deshalb werden Selbstmörder abseits und in Abstand zu den Anderen begraben. In unterschiedlicher Strenge werden sogar Angehörige angehalten, die Trauerrituale zu unterlassen oder zumindest einzuschränken.
Da nur die vorsätzliche Selbsttötung (auch die unterstützte) eines voll handlungsfähigen Menschen im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte als Selbstmord qualifiziert wird, haben Rabbiner immer versucht, Umstände zu finden, die die Qualifikation als Selbstmord ausschließen, in erster Linie aus Empathie für die Angehörigen.
Wenn ein Selbstmörder möglicherweise gerettet oder ins Leben zurückgerufen werden kann, ist es Pflicht seiner Umgebung, dies zu versuchen.
Ein länglicher Abstract der noch viel ausführlicheren, teilweise widersprüchlichen intra-jüdischen Diskussionen zu einem Thema, das seit Jahrhunderten unsere Gelehrten beschäftigt hat und auch heute noch beschäftigt.

Islamische Sichtweise zum Thema Suizid – Zeynep Elibol
Der Mensch kommt nach islamischer Sicht aus der Urewigkeit und reist nach der Station Erde in die Urewigkeit. Die Arwah, die Lebensgeister, wurden in einer Dimension zeitgleich erschaffen und werden durch die Entwicklung der Schwangerschaft gekleidet. Sie bekommen einen Körper, um auf der Erde weilen zu können. Dieser Körper ist eine Amanah. Also etwas Anvertrautes.
Dem Menschen werden Zeit, sein Körper und die Gesundheit anvertraut. Alle diese Elemente werden unterschiedlichen Prüfungen unterzogen. Der Körper gehört nicht ihm. Er gehört seinem Schöpfer. Ihm ist auch das Nafs, das Ego bzw. die Triebseele anvertraut. Dieser soll beherrscht werden. Das spirituelle Herz ist ihm auch anvertraut. Es soll gepflegt werden. Gott ist der Einzige, der Leben schenkt und nimmt.  Dieses Leben ist uns anvertraut und steht in einer starken Beziehung zu Gott. Das Herz, der Geist, der Körper und die Triebseele möchten zu Gott. Der Geist sehnt sich nach Gott. Diese Sehnsucht ist bewusst oder unbewusst. Sie kann von Faktoren wie Liebe, Kummer oder Depressionen beeinflusst werden.
Suizid ist ein Vertrauensbruch in dieser Beziehung. Denn Gott möchte. dass wir leben und Ihm vertrauen. Er bestimmt wann wir zu Ihm heimkehren. Die Ursache darf nicht von uns bestimmt sein und die Prüfung, die Arbeit an der Beziehung abgebrochen werden.
Vor bis zu 60 Jahren und zum Teil heute noch werden Menschen, die Suizid begangen haben, nicht wie alle anderen bestattet. Das Totengebet wurde oder wird nicht verrichtet. Diese Praxis hat sich stark verändert. Da der Mensch durch eine psychische Beeinträchtigung bzw. Krankheit auch Suizid begehen kann und in diesem Fall entschuldigt wäre, kann man nicht davon ausgehen, dass er bewusst Suizid begangen hat. Gott allein weiß, was in ihm vorgeht. Laut den islamischen Quellen ist nicht nur das Paradies, sondern auch der Geruch des Paradieses den Selbstmördern verwehrt. Das könnte man über die Selbstmordattentäter sagen, die nicht nur Selbstmord, sondern auch Mord an anderen begehen. Menschen, die aus einer Krise aus Selbstmord begehen und es nicht vorab planen, gehören nicht in diese Kategorie.
Wir wissen nicht wirklich, was in ihnen vorgeht, was sie so plagt. Aus diesem Grund werden sie genau so bestattet wie jeder andere Muslim und auch betrauert mit der Hoffnung, dass ihnen verziehen wird.
Die Familien werden auch stärker unterstützt, da der Schmerz groß ist. Sie beschäftigen sich mit der Frage, warum denn der Mensch sich das Leben genommen hat, und leiden unter einem schlechten Gewissen. Sie geben sich die Schuld, nicht früher reagiert zu haben.
Sie müssen lernen mit dieser Situation und mit all ihren unbeantworteten Fragen zu leben. Ein bewusst geplanter Suizid ist Mord und Verrat an der Beziehung zum Schöpfer und am Leben. Ein unbewusster Selbstmord aus einer unbeherrschten Krise heraus wird als Ausnahme gesehen und nicht als Verrat am Leben, das uns anvertraut wurde.

2. Einheit:
Suizidalität: Psychologische Aspekte und Krisenintervention
Referent:       Gernot Sonneck (Medizinische Psychologie, MedUni Wien)
Allgemeine Diskussion

3. Einheit:
Sinn, Wissenschaft, und Religion im Kontext der Suizidalität
Referenten:  Gunter Prüller-Jagenteufel (Systematische Theologie und Ethik, Uni Wien)
Vertreter der AKH-Seelsorge
Allgemeine Diskussion

4. Einheit:
Prävention des Suizids:      
Referenten:  Thomas Niederkrotenthaler (Sozial- und Präventivmedizin, MedUni Wien)
                     Gerald Tomandl (Kriseninterventionszentrum Wien)
Allgemeine Diskussion

RÜCKSCHAU Wintersemester 2017/2018:
Seminareinheit 1 (19.10.2017): Philosophischer und Theologische Ethikkonzepte

  • In dieser Seminareinheit werden philosophische und theologische Ethikkonzepte und deren Begründungen behandelt, „Medizinische Wissenschaft, Religion und Ethik bilden ein spannungsvolles Dreieck.
    In dieser Seminareinheit fragen wir sowohl nach der Eigenart dieser drei Bereiche als auch nach ihrer Beziehung zueinander. Wir gehen dabei in drei Schritten vor:
    In einem ersten Schritt klären wir grundlegende Begriffe der Ethik und stellen in aller Kürze verschiedene Ethik-Typen vor.
    In einem zweiten Schritt wenden wir uns moralischen Konflikten im Bereich der Medizin zu und diskutieren an einem Bespiel die Antworten, die verschiedene  Ansätze geben (kantianische, utilitaristische, katholische und evangelische Ethik).
    In einem dritten Schritt betrachten wir das Verhältnis von Medizin und Ethik genauer, indem wir nach dem Wissenschaftsverständnis, das jeweils hinter Medizin und Ethik steht, fragen, und einen Blick auf die Quellen des Berufsethos von Ärzt*innen werfen.“
    Ao.Univ.-Prof. DDr. Hans Schelkshorn, Vorstand des Instituts für christliche Philosophie der Katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien
    Dr. Maria Katharina Moser MTh, wissenschaftliche Referentin des Instituts für öffentliche Theologie und Ethik der Diakonie

Seminareinheit 2 (23.11.2017): Das Lebensende

  • Prof. Dr. Christine Marosi (Internistische Onkologie):
    "Der Vortrag in dieser Seminarreihe war eine ganz andere Herausforderung als fachliche Vorträge zu meinem Arbeitsschwerpunkt über „bösartige Hirntumore“ oder die Besonderheiten von „Krebs im Alter“; schliesslich ging es darum, aufzuzeigen, wer in Österreich woran stirbt.
    Die Daten der Statistik Austria zeigten dann ein ganz anderes Bild, als der subjektiven Wahrnehmung entsprochen hätte. Sie verdeutlichten aber auch, warum „Tod und Sterben“ aus dem Alltagsbewusstsein verschwunden sind und von vielen als „Versagen der Medizin“ oder „Versagen eines bestimmten Arztes“ wahrgenommen werden. Damit zeigen uns diese Daten auch, wie ein bewussterer Umgang mit der letzten Lebensphase aussehen sollte.“
    Dr. Anke Scharrer (Klinische Pathologie):
    "Nach dem Tod eines Menschen im Krankenhaus entscheidet der Pathologe über die Notwendigkeit einer Obduktion. Diese wird nach einem festgesetzten Schema durchgeführt und entsprechend protokolliert. Ich freue mich, die Möglichkeit zu haben über meine Arbeit, die Komplexität und die Wichtigkeit einer klinischen Obduktion sprechen zu können und hoffe, somit diesem (Tabu-)Thema mehr Transparenz zu geben und vielleicht Ängste nehmen zu können."
    Pfr. Mag. Arno Preis (für das interreligiöse AKH-Seelsorgeteam):
    "In den letzten Jahrzehnten haben sich die Deutungen des Todes in Europa pluralisiert. Es gibt keine gesellschaftlich dominierende religiöse oder philosophische Aussage darüber, was nach dem Tod zu erwarten sei. Und die Deutung des Todes hat sich individualisiert: Sie ist für viele Menschen nicht mehr eingebunden in den Zusammenhang einer Sozial- und Glaubensgemeinschaft, in der gemeinsame Überzeugungen geteilt und auch rituell dargestellt werden, sondern sie muss je individuell angeeignet und plausibilisiert werden. 
Die Trauer- und Bestattungskultur verändert sich in diesem Zusammenhang.
 Mit der religiösen Pluralisierung und Individualisierung haben sich auch im Westen unterschiedlichste Formen verbreitet, die mit unterschiedlichen Ausprägungen aus verschiedenen Kulturen verbunden sind.
    So ist es wichtig, die intensive religiöse Suchbewegung wahrzunehmen, die sich in der Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Vorstellungen im Zusammenhang von Sterbe- und Trauererfahrungen ausdrückt. 
Es gibt viele offene Fragen und Ratlosigkeit im Hinblick auf die Deutung des Todes, die unter den Menschen lebendig sind, es werden vielfältige Antwortmöglichkeiten gesucht und im kulturellen Diskurs angeboten."

Seminareinheit 3 (14.12.2017): Was ist wichtig für Sterbende/Ethikkonsil am Lebensende
Therapiezieländerung, Comfort Terminal Care und Spiritual Care in der Intensivmedizin

  • Prof. PD Dr.med. Eva Schaden EDIC (Intensivmedizin)
    „Die Fortschritte der Medizin sind ungeheuer. Man ist sich seines Todes nicht mehr sicher. (Hermann Kesten, 1900-1996)
    Im Schatten der Errungenschaften der modernen Intensivmedizin hat sich das Krankheitsbild „Chronic Critical Illness“ entwickelt. Dieser Zustand quasi „zwischen Leben und Tod“ stellt nicht nur für die betroffenen PatientInnen, sondern auch für deren Angehörige und – nicht zuletzt - für uns BehandlerInnen eine große Herausforderung dar. Auch und gerade in der Intensivmedizin ist dann eine kritische Abwägung geboten, welche Therapien noch indiziert sind, denn „mehr Therapie“ ist keineswegs immer die richtige Entscheidung für den/die individuelle/-n PatientIn.
    In diesem Vortrag soll anhand eines konkreten Fallbeispiels das Konzept der Therapiezieländerung und der Comfort Terminal Care vorgestellt werden. Denn auch wenn im Sinne der Heilung nichts mehr für einen Patienten/ eine Patientin getan werden kann, gibt es im Sinne der Palliation noch so viel zu tun. Und eben diese Maßnahmen sind eine von Grund auf ärztliche Aufgabe, die nicht  der Palliativmedizin vorbehalten bleiben dürfen, sondern im Anlassfall auch auf einer Intensivstation durchgeführt werden können und sollen.
    Dr.phil. Patrik Heindl DGKP (Intensivpflege)
    Therapiezieländerung auf der Intensivstation ist ein multidisziplinärer Prozess. In diesem Prozess sind nicht nur Ärztinnen/Ärzte und Pflegepersonen involviert, ebenso können Seelsorgerinnen/Seelsorger, Physiotherapeutinnen/ Physiotherapeuten Einfluss nehmen. Die Frage ist: Was braucht man in diesem Entscheidungsprozesse? Information, Wissen, eine gemeinsame Diskussion, einen gemeinsamen Austausch und Entscheidungen.
    Pflegepersonen haben eine wichtige Rolle bei ethischen Entscheidungen am Lebensende.
    Sie überprüfen die Wirkung der Schmerztherapie, sind erste Ansprechpartnerinnen/Ansprechpartner für Patientinnen/Patienten, die den Wunsch nach Therapierückzug/-abbruch äußern und werden von Ärztinnen/Ärzten um ihre Meinung gefragt. Pflegende sind teilweise Ausführende des Therapierückzuges/-abbruches. Ebenso ist die Angehörigenbetreuung ein wesentlicher Teil bei der Therapiezieländerung. Pflege und Betreuung findet trotz Therapiezieländerung weiterhin statt, der Schwerpunkt in der Pflege und Betreuung verändert sich.
    Pfr. Mag. Arno Preis (Klinische Seelsorge)
    An Intensivstationen spielen sich in der menschlichen Grenzsituation einer schweren Erkrankung tiefe seelische und spirituelle Lebensprozesse ab.
    Unsicherheit, Angst, Sorge und Hoffnung sind wohl die primären Gefühle, die Patienten, Angehörige, aber auch das Personal in je eigener Weise bestimmen.
    Hier bündeln sich alle Probleme, denen sich Spiritual Care bzw. Seelsorge stellen muß. Angesichts des nicht abwendbaren Lebensendes stellt sich die grundsätzliche Frage, in welcher Weise ein menschlicher und würdiger Umgang mit dem Sterben möglich ist.
    Damit verbunden stellen sich weitere Fragen wie: Was ist für den jeweiligen Patienten in seiner individuellen, einzigartigen Lebenssituation das Beste? Soll die Behandlung erweitert, begrenzt, oder gar eingestellt werden? Welchen Trost und welche Hoffnung können wir berechtigterweise Patienten und Angehörigen geben? Mit diesen Fragen setzen sich die Klinische Ethik und die daraus entstandenen Ethikkonsile auseinander.
    Eine zielführende Vorgangsweise erfordert jedenfalls ein berufsgruppen- und fächerübergreifendes Zusammenwirken, in der Spiritual Care eine bedeutsame Rolle zukommt.

Seminareinheit 4 (25.1.2018): Ab heute ist alles anders - schwerste bleibende und neurologische Defektzustände nach protrahierter Reanimation, schwerem Schädel-Hirn-Trauma, Subarachnoidalblutung oder Insult - siehe auch

  • Patienteninformation, Compliance, Motivation  bzw. der Sinn des Leidens
    Georg Fraberger, Klinischer Psychologe/Gesundheitspsychologe
    Univ. Klinik für Orthopädie, Allgemeines Krankenhaus Wien
    Die Medizin konzentriert sich bei der Behandlung auf wissenschaftliche Erkenntnisse, die logisch nachvollziehbar sind und den Patienten als sogenannte Patienteninformation weitergegeben werden. Hierbei wird leicht vergessen, dass der Körper mehr ist als blosse Materie und das Leben mehr ist als dass man es mit Logik erklären könnte. Ein lebenswertes und gutes Leben ist auch in einem kranken und behinderten Körper möglich. Wirklich lebbar wird das nur, wenn jemand da ist, der diese Art des Denkens auch vermittelt. Die veränderten Werte in unserer Gesellschaft haben den großen Vorteil, dass jeder große Freiheit für persönliche Entscheidungen hat. Der Nachteil dieser Freiheit besteht darin, dass sich kaum jemand freiwillig für ein Leben voll von Leid und chronischer Krankheit entscheidet. Die jahrelange Diskussion um die Frage ab wann jemand ein Recht dazu hat, dass sein Leben aufgrund von dauerndem Leid und lebensunwerten Umständen beendet werden darf, widerspiegelt die Logik-fokussierte einseitige Vorstellung von Leben. Die Psychologie als Lehre über die Seele des Menschen, darf bei der Vorstellung bzw. der Idee über ein gutes Leben das Denken der Menschen mitbestimmen. Nur wer einen Sinn im Leben findet wird auch bereit sein das Leiden anzunehmen und mit der Einsicht "Das Glück ist nicht immer lustig" die logischen und oft sehr unangenehmen und drastisch lebensverändernden Behandlungen annehmen können.
  • Ab heute ist alles anders – schwerste bleibende und neurologische Defektzustände nach protrahierter Reanimation, schwerem Schädel-Hirn-Trauma, Subarachnoidalblutung oder Insult
    Christoph Baumgartner, Neurologe
    Abteilung für Epileptologie und Klinische Neurophysiologie, Kopf-Nerven-Zentrum der Medizinischen Fakultät, Sigmund Freud Privatuniversität
    Karl Landsteiner Institut für Klinische Epilepsieforschung und Kognitive Neurologie
    Neurologische Abteilung, Krankenhaus Hietzing mit Neurologischem Zentrum Rosenhügel, Wien

    Die Möglichkeiten der modernen Medizin haben dazu geführt, dass viele Menschen mit schwerwiegenden und dauerhaften Störungen wesentlicher Hirnfunktionen langfristig überleben. Diese Zustände  werfen grundsätzliche Fragen nach der Wechselwirkung zwischen Körper und Geist, der zwischenmenschlichen Kommunikation, dem emotionalem Empfinden, der Selbst- und Fremdbestimmung und letztlich dem Menschsein an sich auf. Dies betrifft freilich nicht nur die Patienten-Angehörigen-Arzt Beziehung, sondern erfordert auch eine weiterführende gesellschaftspolitische Grundsatzdiskussion.  Im Speziellen werden die folgenden Fragen behandelt:
    Die Zentralität des Gehirns – ‚neuroculture‘; Formen der Neuroethik; Neuroethik des Bewusstseins; Neuroethik in der Therapie. Diese Fragen sollen im Kontext der Erkenntnisse der modernen Neurowissenschaften, aber insbesondere aus der Sicht des klinisch tätigen Neurologen beleuchtet werden. 
  • Extra dolore, nulla humanitatis: es gibt keine leidensfreie Welt. Verleihen die Religionen dem Leiden einen Sinn?
    Alberto Marques de Sousa, Theologe und Religionswissenschaftler, klinischer Seelsorger
    AKH Kirchenrektor und Leiter der kath. Seelsorge im AKH Wien
    Von der Geburt an wird der Mensch mit der Realität des Leidens  konfrontiert. Trotz aller Versprechung der modernen Medizin – sie macht den Menschen zum technischen Großprojekt - kennen wir keine leidfreie Welt. Gewisse Formen des Leidens könnten notwendig sein für die menschliche Entwicklung. Viktor Frankl würde sagen dass nicht nur schöpferisches und genießendes Leben einen Sinn hat, auch Leiden haben einen Sinn, wenn Leben überhaupt ein Sinn hat. Das Leid der Welt stellt den Gottesglauben in Frage; und die Bemühung der Theologie zu klären, warum es das Leid gibt, wenn Gott die Menschen liebt und auch die Macht hat, das Übel zu verhindern (die Theodizee-Fragen),  ist keine leichtere Aufgabe. Der Versuch Leid auf traditionelle Weise zu erklären als eine Strafe Gottes und Folge der Sünde, wird entlarvt als „sadistische Theologie“ und als projektive Flucht vor der Verantwortung (Albert Camus). Anders zu verstehen ist bei der Prozesstheologie, die sich vor allen auf das Argument der Evolution stützt. Nach Auffassung der Prozesstheologie kann Gott keine Wunder wirken. Er ist jedoch beständig dabei, die leidenden Menschen zu guten Werken und Gedanken zu inspirieren. Gott kann nichts erzwingen, sondern nur motivierend wirken.  Zum letzten, haben wir die Theologie der Compassion, im Sinne von J. B. Metz, in welcher Jesu Blick galt primär nicht der Sünde, sondern dem Leid der Menschen, die übersehen wurden und vergessen waren. Diese Menschen die für sich selbst schon gar nicht mehr sprechen können, die getötet und umgebracht wurden. Compassion ist zu verstehen als Mitleidenschaft, als teilnehmende, als verpflichtende Wahrnehmung fremden Leids, als tätiges Eingedenken des Leids anderer.